Rezension: Friisk – „…un torügg bleev blot Sand“ (Vendetta Records, 2021)

In Kürze ist es soweit. Über Vendetta Records erscheint das erste Vollalbum „…un torügg bleev blot Sand“ der norddeutschen Truppe Friisk aus Leer in Niedersachsen. Die ersten Vorschusslorbeeren konnte die zu vier Fünftel aus ehemaligen Mitgliedern von Friesenblut bestehende Formation mit der 2018 in Eigenregie erschienenen EP „De Doden van’t Waterkant“ einheimsen. Diese tönte ihrerseits schon sehr vielversprechend. Im Jahre 2020 erschien dann zunächst noch eine Gemeinschaftsproduktion mit Loth, welche mir aber nicht bekannt ist. Widmen wir uns also daher dem vorliegenden Werk.

Es ist schon erstaunlich, wie sich dieses Quintett in puncto Musikalität, lyrischer Ausdrucksstärke, Atmosphäre, Dynamik und Abwechslungsreichtum im Vergleich zur bereits guten EP nochmals steigern konnte. Der „Einklang“, der mit akustischer Gitarre und begleitenden verzerrtem Tremolo unterlegt ist, geleitet den Hörer mit Meeresrauschen zunächst auf eine vermeintlich sanfte Entdeckungsreise, um ihn alsbald mit doomigen Klängen in den Abgrund zu ziehen. Das bereits vorab auf YouTube veröffentlichte „Dem Wind entgegen“ beginnt furios mit grob an die Gruppe Drautran erinnernden Schreigesang. Im Gitarrenbereich, welcher mit viel Hall unterlegt ist, ist oftmals eine leichte Quebec-esque Spielart auszumachen. Der hier zu hörende Text wird auf Hochdeutsch vorgetragen, was sich im weiteren Verlauf der Scheibe jedoch noch ändern soll. Die Lieder sind geprägt von zahlreichen Stimmungs- und Tempowechseln, was man auch in „Hoat“ heraushören kann. Der schnelle und kämpferisch anmutende Beginn wird durch einen langsamen Zwischenteil in vermeintlich ruhigere Gewässer geführt, nur um kurz darauf den rauhen Sturm des Nordens wieder aufbrausen zu lassen. Der Vokalist gestaltet seine Darbietung in jedem Lied mit deutlich hörbarer Inbrunst. Es wird abwechselnd geschrien, gegrunzt oder im späteren Albumverlauf auch gern mal im Stile eines Skald Draugir (Helrunar) im Narrativ vorgetragen. Die Gitarren klagen fortwährend. Gleichermaßen setzt das Schlagzeug Akzente, verkommt aber nie zum bloßen Selbstzweck. Vielmehr fügt es sich ohne großartige Schnörkel der jeweiligen Stimmung ein oder ordnet sich dieser unter.

Das Instrumental „Versunken“, welches mit akustischer Gitarre und Tastenbegleitung daherkommt, eignet sich zum kurzzeitigen Entspannen und Luftholen. Es stellt eine Art Zäsur zum noch epischer anmutenden zweiten Teil des Albums dar. Dieser stellt uns „Mauern aus Nebel“ in den Weg, welche erst einmal überwunden werden müssen. An den Beginn einer Schlachtszenerie erinnernde Heerestrommeln samt effektbeladener Saitenkunst und vorhin erwähntem Narrativ, schließt sich pure musikalische Intensität an. Diese ist aber keineswegs gleichbedeutend mit Schnelligkeit, sondern viel mehr mit Tiefgang. Signifikant ist auch hier wieder der abwechslungsreiche Gesang. Der Text dieses musikalischen Höhepunkts wird auf Hochdeutsch vorgetragen.

Das Titellied, welches soviel wie „… und zurück blieb bloß Sand“ bedeutet, hat mit Zingultus (u. a. bekannt durch Endstille, Graupel und den leider längst verblichenen Urvätern des deutschsprachigen Schwarzmetalls Nagelfar) einen bekannten Gast am Mikrofon. Dieses Stück wiederum vereint alle bereits genannten Stärken dieser friesischen Kapelle. Zuguterletzt erlebt der geneigte Hörer einen fast elfminütigen „Fiebertraum“. Dieser kriecht langsam dahin, nur um ab Minute sieben an Fahrt aufzunehmen. Dezente Orgeln im Hintergrund unterlegen diesen monumentalen Abschluss, welcher rein akustisch endet und mit dem Prasseln eines Feuers unterlegt wird. Dies ist alles in allem ein würdiger Ausklang.

Rein gesanglich gesehen versteht man natürlich nicht jedes Wort, was aber voll und ganz dem Charakteristikum dieses Genres Rechnung trägt. Rein emotional gesehen fühlt man sich im Verlauf dieses Albums oft leer, so wie der Herkunftsort dieser Gruppe gleichermaßen eher zufällig suggeriert. Gleichwohl wohnt dieser Scheibe eine nicht zu leugnende Wärme inne. Diese offenbart großes Potenzial für zukünftige Ereignisse. Die abwechselnd auf Hochdeutsch, Niederdeutsch und Saterfriesisch vorgetragene Lyrik setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Erhältlich ist das Werk sowohl auf CD, als auch auf Vinyl und Kassette bei Vendetta Records (https://vendettarecords.bigcartel.com), als auch physisch und digital bei Bandcamp (https://friisk.bandcamp.com/).

Bewertung

5,5 / 6 Punkten

Besetzung

HK: Bass

JL: Schlagzeug

TS: Gitarre

J: Gitarre

T: Gesang

Hörbeispiel

Titelliste

1.) Einklang

2.) Dem Wind entgegen

3.) Hoat

4.) Versunken

5.) Mauern aus Nebel

6.) Torügg bleev blot Sand

7.) Fiebertraum

Yggdrasil / Seelenfeuer 2021

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